Fröhliches Wiedersehen und ernste Gespräche

Beratungs- und Fortbildungskonferenz der Auslandspfarrer in Daressalam:

Unsere Gemeinde ist in mehrfacher Hinsicht eingebunden in einen größeren Zusammenhang. In Kenia sind wir assoziiertes Mitglied der kenianisch-Evangelisch-Lutherischen Kirche und sind eingebunden in den Reigen der Auslandsgemeinden deutscher Sprache.

Anfang Januar treffen sich die Pfarrerinnen und Pfarrer der deutschsprachigen Auslandsgemeinden Afrikas südlich der Sahara. Einige haben eine Tradition, die ins 19. Jahrhundert zurück reicht, andere wiederum sind verhältnismäßig jung. Unsere Gemeinde in Nairobi ist mit ihrer nun 50-jährigen Geschichte schon recht traditionsreich.

Die Verträge deutsche Auslandspfarrer laufen in der Regel über sechs Jahre, gerade im südlichen Afrika beantragen viele eine Verlängerung auf neun Jahre. Offensichtlich ist das Arbeitsklima gut, Wetter und Lebensart tun das ihrige, dass Windhuk oder Kapstadt, Nairobi oder Okahandja attraktive Arbeitsplätze sind. Entsprechend stabil ist die Gemeinschaft, die sich jährlich an einem anderen Ort trifft. Im Jahr 2017 war Daressalam in Tansania ausgewählt.

Grob gesagt gibt es in dem Bereich Afrika südlich der Sahara zwei Arten von Gemeinden. In Südafrika und Namibia haben sich Gemeinschaften mit langer Tradition und vielen Gemeindegliedern etabliert. Windhuk gilt unter Kennern als alte deutsche Hochburg und hat eine Stadtgemeinde von 2500 Gemeindegliedern. In Pretoria erhebt sich eine große Kirche, die 5000 Gemeindegliedern dient. In vielem ähnelt das Gemeindeleben Heimatgemeinden in Deutschland. Gottesdienste haben einen ähnlichen Ablauf, in manchen Gemeindekreisen fühlt man sich wie in Hamburg oder auf der schwäbischen Alb.

Ein wesentlicher Unterschied ist sicherlich die Finanzierung nicht aus Kirchensteuermitteln, sondern aus unmittelbaren Beiträgen der Gemeindeglieder. Da wird nichts mittels Steuerkarte abgezogen, die Gemeinden müssen für ihren materiellen Unterhalt selbst sorgen. Eine Gemeinde, die nicht in der Lage ist, übers Jahr genügend Einnahmen zu generieren, gerät schnell in finanzielle Schieflage. Entsprechend intensiver ist das Engagement für „meine Gemeinde“. Jeder und jede weiß, dass sie persönlich zur Existenz der Gemeinde beitragen muss.

Neben den großen traditionsreichen Gemeinden gibt es kleinere mit einem Mitgliederbestand von weniger als 100 Personen. Unsere eigene Gemeinde gehört dazu, aber auch zum Beispiel Addis Abebai, Harare und eben Daressalam. Diese Gemeinden sind von häufigem Wechsel der Gemeindeglieder geprägt, es ist ein stetes Kommen und Gehen. Oft verändert sich nach den Sommerferien das Gemeindeprofil nicht wenig.

Entsprechend viel gab es zu erzählen und auszutauschen, jede Gemeinde erhielt eine gute Stunde, um ihre aktuelle Situation darzustellen und sich dann von Kolleginnen und Kollegen beraten zu lassen. Diese gegenseitige Beratung ist deshalb von besonderem Wert, weil in Sachen Auslandsgemeinden die Fachleute scher zu finden sind. Bei allen strukturellen Unterschieden ist es erstaunlich, wie ähnlich manche Probleme sind. Die große Dürre, die vor allen Dingen im Jahr 2016 in Athiopien zu spüren war, hat genauso Auswirkungen im Norden Namibias oder in der Kap Region. Dort leben viele Gemeindeglieder von der Landwirtschaft, wenn der Regen über Monate ausbleibt, geht es an die Existenz. Schlimm wenn Herden verkleinert werden müssen und gleichzeitig auch noch die Fleischpreise fallen. Im Herzen eines äthiopischen Wanderhirten sieht es sicherlich nicht viel anders aus als in der Seele eines namibischen Rinderfarmers deutscher Abstammung oder eines Masai in Kenia, wenn zum Schluss nur noch wenige Zuchttiere übrig sind.

Die Bindung einzelner an ihre Gemeinde nimmt ab. Das erfahren vor allen Dingen die mit wenigen Gemeindegliedern. Es ist schon lange nicht mehr selbstverständlich, sich in der einen oder anderen Weise an die christliche Gemeinde vor Ort zu halten. Erst recht das Bewusstsein, dass Auslandsgemeinden das verstärkte ehrenamtliche Engagement vieler brauchen, schwindet. Der Prozess, der in Deutschland durch eine ganze Reihe von soziologischen Studien gut belegt ist, setzt sich in Auslandsgemeinden fort.

Hinzu kommt die innere Aushöhlung. Die Erfahrung in christlicher Praxis, im Gebet und im Lesen der Bibel hat in den letzten Jahrzehnten deutlich abgenommen. Manche sprechen von einer Erosion des Glaubens. In den großen Gemeinden wird dies oft von einem stabilen Rückgrat älterer Gemeindeglieder aufgefangen, die Gemeinden mit jüngerer Altersstruktur verlieren allerdings nach und nach ihre spirituelle Mitte. Gerade evangelische Gemeinden brauchen das Engagement der Einzelnen aus dem Glauben heraus. Wenn das schwindet, geht es der Gemeinde an die Substanz.

In einem Gastreferat stellte der Bischof der lutherischen Kirche in Tansania, Dr. Alex Gehaz Malasusa, seine Sicht auf eine afrikanische Plage vor. Korruption sei wie ein Krebs, der öffentliche Strukturen, aber auch die Kirche selbst zerfresse. Dabei habe gerade die Kirche eine ganze Reihe von Gaben und Eigenschaften, die „not for sale“ – nicht zum Verkauf stünden. Am schlimmsten sei es, dass Verantwortliche, die offensichtlich der Korruption überführt seien, mit fadenscheinigen Ausflüchten sich vor ihrer Verantwortung drückten, statt den Weg der Buße und Vergebung zu gehen.

In der folgenden Aussprache zeigte sich, wie sehr auch die deutschsprachigen Gemeinden unter Korruption und Vorteilsnahme litten. Gerade Ausländer werden in afrikanischen Staaten oft noch einmal besonders zur Kasse gebeten, das kann im Straßenverkehr bei einem kleinen Vergehen sein, aber auch wenn es um Grundstücksangelegenheiten oder Zollverfahren geht. Wie sehr können wir standhalten? Ohne jede Frage ist Bestechung eine Sünde, die den einzelnen, aber auch dem ganzen Land schadet. Im Grundsatz gilt es dem zu widerstehen und dem nicht auch noch durch eigenes Handeln Vorschub zu leisten. Unsere eigene Gemeinde hat ihre Erfahrungen damit, dass dann aber auch bestimmte Entwicklungen gestoppt werden. In der Konsequenz kann es zum Abbruch ganzer Projekte kommen, wenn von Beamten gewünschte Summen nicht gezahlt werden.

Oberkirchenrat Klaus Burkhardt begleitete als Repräsentant der EKD die Tagung. Er warb besonders für eine aktive Teilnahme der Auslandsgemeinden am Reformationsjubiläum 2017. Von Mai bis September werden an vielen Orten, besonders in Wittenberg und Berlin, farbige und interessante Angebote gemacht, die den Gehalt unserer reformatorischen Tradition lebendig werden lassen.
Weil viele Kinder an der Tagung in Daressalam teilnahmen, hat die Regionalkonferenz der Auslandspfarrer immer auch etwas von einem Familientreffen. Auch die Kinder finden manche Gemeinsamkeiten. „Müsst ihr auch so viele Gottesdienstblätter falten?“ „Dauernd sind Vater oder Mutter verschwunden, besonders an Weihnachten ist es gar nicht so einfach mit ihnen.“ Pfarrerskinder haben ein besonderes Schicksal, deshalb ist es gut, wenn sie sich wenigstens für fünf Tage im Jahr austauschen können.

Höhepunkt des Sonntags war ein Gottesdienst zusammen mit der Evangelischen Gemeinde Deutscher Sprache in Daressalam. Die hat in den letzten Jahren viele Mitglieder verloren und entsprechend schwierig ist es, einen Pfarrer oder eine Pfarrerin zu finanzieren. Im Gottesdienst wurde auch noch der letzte amtierende Amtsträger verabschiedet, wie es weitergehen soll, ist ganz offen. Bittere Zeiten für die Gemeinde an der afrikanischen Ostküste, die sicherlich unsere Unterstützung durch Gebet braucht.

Auslandsgemeinden können nur dann überleben, wenn ihre Existenz ein Herzensanliegen der Gemeindeglieder ist. Als „Pfarrerverein mit Helferkreis“ haben sie auf Dauer keine Chance. Das kam in den Gesprächen immer wieder zur Sprache. Eine Kirchengemeinde braucht das Engagement vieler, sonst droht ihr innere Leere.
Fazit der Tagung war, dass die Aufgaben der Gemeinden und ihrer Pfarrer in der Zukunft eher schwieriger werden. Umso wichtiger ist es, einmal im Jahr zu einer fachkundigen und situationsbezogenen Beratung zusammenzukommen. Dass sich über die Jahre viele freundschaftliche und geschwisterliche Bande entwickeln, ist sicherlich nicht nur ein Nebeneffekt.