Predigt über 1 Tim 1

Predigt über 1 Tim 1:12-17, 3. Sonntag nach Trinitatis, 12-6-16, Deutsche Gemeinde Nairobi

12 Ich danke dem, der mir Kraft gibt, Christus Jesus unsrem Herrn, der mich als treu eingeschätzt hat und in das Amt des Dienens eingesetzt hat.

13 Früher war ich einer, der Gott gelästert hat, ein Verfolger, ein Gewalttäter. Aber ich fand Erbarmen, weil ich als Unwissender im Glauben handelte.

14 Aber die Gnade unsres Herrn war in überreichem Maße vorhanden an Glaube und Liebe, die in Christus Jesus sind.

15 Das Wort ist wahr und aller Zustimmung wert: Jesus Christus kam in die Welt, um Sünder zu retten. Ich bin die Nummer eins von ihnen.

16 Darin habe ich Erbarmen gefunden, dass Jesus Christus in mir als der Nummer eins seinen ganzen Großmut zeigte zum Vorbild für die, die in Zukunft an ihn glauben werden zum ewigen Leben.

17 Dem König der Ewigkeiten, dem unvergänglichen, unsichtbaren, einzigen Gott, dem sei Ehre und Ruhm von Ewigkeiten zu Ewigkeiten. Amen.

Liebe Gemeinde,

autobiografische Bücher werden gerne geschrieben und gelesen. Möglichst zu Lebzeiten sollte die Autobiografie auf dem Markt sein, denn man will ja die Reaktionen darauf noch mit erleben. Manche geben sie denn auch mit Mitte 40 heraus, vielleicht auch in der Meinung, dass sie sich jenseits der 50 nicht mehr viel vom Leben erwarten dürfen. Manche Autobiografien sind bissig, wollen Lebenden den Ruf verderben oder zumindest eins auswischen. Rudi Carrell verbat sich in seinem Buch den Besuch der Jacobs Sisters mit ihren Pudeln an seinem Grab. Autobiografien.

Die, aus der wir gerade gelesen haben, hat nicht das Ziel, zum Verfasser groß auf zu blicken. Die Autobiografie dieses Mannes finden wir auch nicht in einem Buch, wir finden sie in mehreren Briefen und in Teilen eines Buches. Und da ahnen wir schon deren Intention: Es geht in der Hauptsache nicht um den Autobiografen, es geht um eine große Begegnung und dem, dem er begegnet ist.

Der Autobiograf Paulus sagt: So wie ich dem begegnet bin und was dann geschah, das kann auch eure Erfahrung werden. Bei Jesus ist Platz für alle. Und er will alle.

An diesem 3. Sonntag nach Trinitatis geht es immer um Umkehr, um Wende. Der Satz, der uns die Woche über begleiten soll, heißt: „Des Menschen Sohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist.“

Im Evangelium dieses Sonntags hörten wir, wie Jesus dem verlorenen Schaf nach geht, um es zurück zu holen. Er geht uns nach, die wir uns verloren haben. Wir haben, so Gregor von Nyssa, unsere Menschlichkeit verloren. Wir haben die Drachme verloren, unsere göttliche Würde, wir sind aus unserer Mitte gefallen, wir sind uns selbst abhanden gekommen. Jesus kommt, um unsere verlorene Menschlichkeit wieder zu schenken, um uns wieder heil und ganz zu machen. Unser Predigttext bring es auf den Punkt: „Jesus Christus kam in die Welt, um Sünder zu retten.“

Rabbi Bunam sagt: „Die große Schuld der Menschen sind nicht die Sünden, die er begeht – die Versuchung ist mächtig und seine Kraft gering ! Die große Schuld des Menschen ist, dass er in jedem Augenblick die Umkehr tun kann und nicht tut.“

Und dann hören wir die Geschichte vom verlorenen Schaf, wie der Hirte die 99 verlässt, um das eine zu suchen. An diese Geschichte haben wir uns in der Kirche gewöhnt. Vielleicht schon so sehr, dass es uns schon gar nicht mehr auffällt.

Die Alternative ist doch das, was wir im Beruf und sonst wo, gerade auch in Kenia erleben, nämlich die Erfahrung mit dem großen Weltgeist. Hören wir das Anti-Gleichnis:

„Und der Weltgeist, der ein Geldgeist ist, rief zu sich und erzählte ihnen ein Gleichnis: Wer unter euch, der hundert Schafe hat und eins davon verliert, ist so blöd und lässt die neunundneunzig in der Wüste allein und geht dem verlorenen nach, bis er’s findet ? Nein, er wird sagen: Die Guten halten’s aus und um die Schlechten ist’s nicht schade ! Denn siehe, früher hatte ich hundert Schafe, von denen die Hälfte nicht einmal den Namen verdiente und die weitere Hälfte der Hälfte unfähig war bei der Herde zu bleiben. Jetzt aber sind sie outgesourced und dort, wo sie hingehören und ich habe fünfundzwanzig fette und schlaue Schafe und bin dick im Geschäft. Und er wird seine Aktionäre rufen und sagen: Freut euch mit mir, denn ich hatte hundert Schafe und nichts als Probleme und habe jetzt fünfundzwanzig und alles läuft wie geschmiert. Denn siehe, ich war blöd und jetzt bin ich schlau, ich war sozial und jetzt bin ich stark. Also wird Freude sein auf allen Börsenparketten über ein Schaf, das wirklich Kasse macht, als über neunundneunzig, die bloß Arbeit machen.

Denn ich bin der Weltgeist, der ein Geldgeist ist. Ich bin nicht barmherzig, gnädig, geduldig und von großer Güte und was der Schwächen mehr sind. Ich hadere und halte fest an meinem Zorn über die, die nicht nach meiner Pfeife tanzen. Ich handle mit euch nach euren Sünden und vergelte euch Missetat und Misserfolg. Und wer es nicht schafft, groß rauszukommen, der vergrabe besser sein Scherflein, stelle keinen Antrag auf irgendeine Hilfe und sage am Ende, dass er wusste, dass ich ein harter Mann bin. Ja, das bin ich. Ja, das sage er mir zur Ehre, wenn er mir sein Häuflein Asche zurück schüttet, von dem er genommen ist.“

In seiner Autobiografie schreibt Paulus: Ja, ich war auch so einer in Sachen Rechtgläubigkeit und Religion. Ausmerzen von denen, die die Glaubensgemeinschaft schwächten, wurde zu meiner Lebensaufgabe.

Finanz- und Glaubenswelt unterscheiden sich manchmal weniger, als man glauben möchte.

„Früher war ich einer, der Gott gelästert hat, ein Verfolger, ein Gewalttäter.“

Das hätte man auf den ersten Blick nicht erwartet, Paulus kam smart daher: Er war ein gebildeter, gottesfürchtiger jüdischer Mann. Er hatte Theologie und Philosophie bei den besten Lehrern seiner Zeit studiert. Und hatte das Gelernte umgesetzt: Er befolgte die Gebote und wahrte unverbrüchlich das Gesetz Gottes, wie er es verstand. Und das hieß: Gott liebt die Gerechten. Und die kleine Sekte der Christen gehörte nicht dazu. So wurde er zum Gegenteil von Erbarmen, wenn es um die Christen ging. Er wurde zu deren Verfolger nicht aus Freude an Unglück und Leiden anderer mit sadistischer Lust am Quälen und Blutvergießen – so war er mit verantwortlich an der Steinigung des Gemeindeleiters Stefanus – sondern er meinte für eine heilige Sache zu streiten. Jesus war für ihn ein Zerstörer des Heiligsten seiner Religion. Um Gottes willen hat er dessen Sohn verfolgt. „Ich hadere und halte fest an meinem Zorn…“

Er hielt es für eine gute Sache, als ein Stein nach dem anderen auf Stefanus nieder ging, bis dieser sich nicht mehr regte. Paulus war ein Gewalttäter. Im Namen der Religion.

„Früher war ich ein Verfolger“, schreibt er in seiner Autobiografie. Ich denke, wir sind meist eher auf der Flucht vor Gott, als dass wir ihn verfolgen. Voller Eifer für das Wort Gottes war Paulus. Solchen Eifer und Begeisterung kennen wir doch auch: Wenn wir etwas begeistert vertreten, mit großem Eifer für etwas kämpfen – Beispiele: Fußball, Politik oder der rechte Weg, Kenya voran zu bringen – kommen wir leicht in die Gefahr, andere zu verfolgen: Blind für die Wahrheit verfolgen wir unsere Prinzipien und merken nicht, dass wir damit zum Verfolger von Menschen werden, die wir unter unsere Prinzipien unterwerfen und andere überfahren. In der Psychologie reden wir vom kolonialisieren anderer. Der andere soll unsere Kolonie werden. Wenn man im Namen Gottes andere Menschen verfolgt, wenn man Gott selbst als Begründung für sein Verhalten heran zieht, dann ist es schwer, seine Blindheiten zu erkennen. Da brauchen wir einen Blitz, der in uns fährt, da müssen wir vom hohen Ross herunter, da muss unser Lebensgebäude in sich zusammen fallen, damit wir unsere Augen öffnen und die Wahrheit anschauen.

‚Ich hab’s getan’, schreibt Paulus, ‚genau das habe ich erlebt.’ „Ich fand Erbarmen, weil ich als Unwissender im Unglauben handelte.“

Jetzt meint aber „Unwissen“ mehr als keine Ahnung haben. Es meint, dass ich es erst gar nicht wissen will. Ich mach zu für das, wofür Gott mir meine Augen öffnen will. Und das nennt die Bibel Unglauben. Und die Folge von Unglauben ist Unwissenheit. Im Epheserbrief beschreibt Paulus die Folgen eingedenk seiner eigenen Erfahrungen: ‚Sie sind in Unwissenheit gefangen, haben ihr Herz verhärtet und wollen Gott nicht die Ehre geben. Nicht, dass sie von Gott nichts gehört hätten, sondern sie wollen Gott nicht anerkennen, sie wollen es erst gar nicht wissen.’ So entsteht schuldhafte Unwissenheit: Sie kommt aus dem Unglauben und der Weigerung, sich Gott als dem Schöpfer und Herrn des Alls anzuvertrauen.

„Ich war ein Lästerer.“ Paulus sang fromme Lieder und war ein Lästerer zugleich. Ein Lästerer stellt sich gegen Gott, lehnt sich gegen ihn auf und verschließt sich seinem Erbarmen. Aber gerade Gottes Erbarmen kann die Mauer durchbrechen, die der Lästerer zwischen sich und Gott gestellt hat.

„Ich war ein Frevler.“ Die Wurzel des Frevlers ist sein Hochmut, sein Stolz. Blind für die Wahrheit wie der Verfolger. Stolz seine Menschlichkeit anzuerkennen, verschließt er seine Augen immer mehr vor seinen Schwächen, sodass er sich von niemandem mehr verunsichern lässt, weder von Gott noch von Menschen. Er weiß alles besser, hat immer recht, verdrängt seine Zweifel mit Gewalt. Er will an seinem Idealbild fest halten, sich an seine Illusionen klammern. So lebt er in einer Welt der Illusionen von der Wirklichkeit abgeschnitten, letztlich im Wahnsinn. So merkt er gar nicht, dass er ein fehlerhafter und sterblicher Mensch ist.

Paulus schreibt „Ich war.“ Er will in seiner Autobiografie nicht beim Meditieren der Sünde stehen bleiben, sondern vom Erbarmen Gottes reden und sagen: ‚Wenn es euch genau so geht wie es mir ging, ich bin da raus geholt worden. Der gute Hirte hat sich auf die Suche nach mir gemacht und mich heim getragen. Als der Nummer eins von all diesen Übeln hat er mir seinen Langmut gezeigt.’

Das Erbarmen Gottes zeigt sich in Glaube und Liebe. Die verwandeln unser Herz so, dass es nicht mehr an sich fest hält, sondern sich hergeben kann. Unser Herz darf barmherzig werden, warm herzig werden im Gegensatz zum unerbittlichen Geld- und Weltgeist. Und im

Gegensatz zu unsrer eigenen Unerbittlichkeit gegen uns selbst. Wir können loslassen, weil wir uns nicht mehr selbst halten müssen. Und je länger wir das auf uns wirken lassen, umso mehr hören die Verkrampfungen unsres Herzens auf und verwandelt die Herzenshärte in barmherzige Liebe.

Paulus steht zu seiner Biografie und redet in der Ich-Form. Er redet sich nicht raus, gibt keine Schuld Eltern und Freunden, die ihm seine Ausbildung bei den besten Lehrern seiner Zeit finanziert haben oder bestärkt haben, diesen Weg zu gehen. ‚Ich bin der Barmherzigkeit begegnet’, schreibt er. Mit einem Schlag wurden das Konzept der Christenverfolgung und das, was dazu führte, durchkreuzt.

Diese Autobiografie wurde in fast alle Sprachen der Welt übersetzt. Und dieser eine Satz: „Jesus Christus kam in die Welt, um Sünder zu retten.“ Wenn Sie je in die Situation kommen sollten, alles, was Sie von Christentum und Glaube gehört haben, zu vergessen. Wenn Sie so verzweifelt und einsam sein sollten, dass alles wie eine Mauer vor Ihnen steht. Ja, wenn Sie auf dem Sterbebett liegen in Einsamkeit und Todesangst, dann sagen Sie sich diesen einen Satz: „Jesus Christus kam in die Welt, um Sünder zu retten.“

Wir haben ihn nicht gesucht, aber er sucht uns. Ungesuchtes Suchen.

Die Bibel redet ja nicht von der Sünde, um uns immer kleiner und hässlicher zu machen, sondern um Sünde zu vergeben und dem Leben eine andere Richtung zu geben. Die Liebe Gottes durchbricht auch die dickste Dunkelheit.

„Jesus nimmt die Sünder an; mich hat er auch angenommen und den Himmel aufgetan, dass ich selig zu ihm kommen“, singen wir im Gesangbuch. Was für eine Biografie !

Pfarrer Johannes Löffler, KELC, Referat Christliche Bildung, P.O.B. 54128, 00200 Nairobi

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