Predigt über Hebräer 4

Predigt über Hebräer 4: 14-16 am Sonntag Invocavit, 14-2-16, deutsche Gemeinde Nairobi
14 Weil wir einen großen Hohenpriester haben, der die Himmel durchschritten hat, nämlich Jesus,
den Sohn Gottes, so lasst uns am Bekenntnis fest halten.
15 Denn wir haben keinen Hohenpriester, der nicht in der Lage wäre mit uns in unsrer Schwachheit
zu leiden. Ganz genau so wie wir ist er in allem versucht worden, aber ohne Sünde.
16 So lasst uns also mit einem frohen Herzen zum Thron der Gnade gehen, damit wir Erbarmen
erfahren und damit wir Gnade finden, die uns rechtzeitig hilft.
Liebe Gemeinde,
kaum ein Ort ist so Angst besetzt wie der Thron Gottes. Sofort fallen uns Begriffe wie Gericht und
Zorn ein, ein Ort, wo es uns dermaleinst schlecht gehen wird und man am liebsten nie sein möchte.
Gemäß dem mittelalterlichen Wort: „Gehe nie zu deinem Fürst, wenn du nicht gerufen wirst.“
Unser heutiger Predigttext spricht genau das Gegenteil aus: Frohen Herzens lasst uns zum Thron
der Gnade gehen ! Frohen Herzens, also nicht widerwillig oder schleppend. Frohen Herzens wie zu
einer Einladung mit bestem deutschen oder schweizer Essen mit Bier und Wein, direkt aus der
Heimat eingeflogen.
Wie konnte es zu diesem Unterschied zwischen unsrem Empfinden und dieser Aufforderung
kommen ?
Der Brief, aus dem wir einige Zeilen gehört haben, wurde an Menschen geschrieben, die die
Sprache und Bilderwelt des Alten Testamentes und damit der Juden sehr gut verstanden. Mit der
Person des Hohenpriesters wird nun diese Aufforderung begründet.
Das war nicht irgendwer. Das war die höchste Autorität im religiösen Bereich, die aus einer
bestimmten Ethnie kommen musste, die dieses Amt seit Jahrhunderten inne hatte. Die größte
Aufgabe hatte er einmal im Jahr zu erfüllen, am großen Versöhnungsfest, dem Jom Kippur. 24
Stunden vorher musste er sich rituell reinigen, um dann sein goldenes Gewand anzulegen. Zielpunkt
war der Tempel in der Hauptstadt Jerusalem.
Betrat man diesen Tempel, so durchschritt man zunächst im Freien verschiedene Vorhöfe und
anschließend im Gebäude mehrmals verschiedene Räume. Wie weit jemand durchgehen durfte, das
hing an seiner Reinheit. Ganz fremden Besuchern war nur Zugang zum äußeren Vorhof erlaubt.
Unter dem Volk Israel selbst, das hier ihr Zentralheiligtum hatte, gab es je nach
Stammeszugehörigkeit, Mann oder Frau, krank oder gesund eine ganze Hierarchie von
Abstufungen, wer in den Höfen wie weit voran schreiten durfte. Denn im Innersten des Tempels –
und das war das eigentliche Geheimnis – war die Wohnung Gottes. Das so genannte
„Allerheiligste“.
Nur einer durfte dort hinein und das nur einmal im Jahr. Das war der Hohepriester. Am
Versöhnungstag. Um dorthin zugelangen, musste er durch zwei riesige Teppiche hindurch, die wie
Vorhänge herunter hingen. Aus bestem Material in den Farben blauviolett, purpurrot und
scharlachrot als Symbol für den Himmel. Bilder von Engeln waren darin eingewebt. Wenn der
Hohepriester auf diese Vorhänge zuging, stand er wie vor dem Himmel. Dann schob er sie
auseinander und ging durch die beiden Teppichhimmel hindurch, liess die himmlischen Räume und
Engelwelt hinter sich und ging zu Gott selbst in das Allerheiligste. Das war ein fensterloser Raum.
Darin wurde die Bundeslade mit den Tafeln der zehn Gebote aufbewahrt. Wer hier unberechtigt
hinein ging und sich Gott unerlaubt nähern würde, davon war man überzeugt, der würde auf der
Stelle tot umfallen.
In diesem Raum also blieb der Hohepriester die ganze Nacht vor dem Versöhungstag und las aus
den fünf Büchern Mose, einem Teil unsrer Bibel. An diesem Tag selber hatte er das höchste Amt,
das ein Mensch ausüben konnte: Versöhnung zwischen Gott und den Menschen zu schaffen und
dies mit einem Opferlamm auszudrücken.
So war es in den heiligen Büchern genau fest gelegt und so ging das seit Generationen. Bis auf
jenen Nachmittag im Jahre 33. Da wurde es auf einmal für drei Stunden stockfinster. Und dann
bebte die Erde. Und das Schlimmste: Der große Teppichhimmelvorhang vor dem Allerheiligsten,
vor der Wohnung Gottes, riss von oben bis unten durch. Auf einmal war der Sitz Gottes offen. Und
jeder konnte ihn sehen. Das war an jenem Nachmittag, an dem einer der vielen, die da landesweit
hingerichtet wurden, schrie: „Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen ?“. Das war
Jesus aus Nazareth, der in unserem Bibelabschnitt „großer Hoherpriester“ genannt wird.
Nach der damaligen Ordnung hätte Jesus nie und nimmer Hoherpriester werden können: Einmal
stammt er aus der falschen Familiengruppe und zum anderen war er unverheiratet. Die Begründung
ist eine andere: „Er hat die Himmel durchschritten.“ Damit ist nicht nur der symbolische Gang
durch die Teppichhimmelsvorhänge ins Allerheiligste gemeint, sondern der Gang zum Herzen
Gottes. Und da musste man „durch die Himmel“. Dort wohnte nicht Gott. Dort wohnten die, die mit
ihm in Streit, Konkurrenz und Todfeindschaft liegen. Das Reich der Gottesferne. Nach der
Vorstellung des Hebräerbriefs sind sie da alle versammelt, die uns Angst und Schrecken einjagen
wollen. Man nannte sie Teufel und Dämonen, abgefallene Engel und all jene, die für Not und Elend
und Verzweiflung verantwortlich gemacht wurden. Da ist Jesus durch. Und hat den Weg frei
gemacht. So wie das Allerheiligste im Tempel an diesem Karfreitag nicht mehr verhüllt war, so ist
jetzt der „Thron der Gnade“, der Ort Gottes für jeden zugänglich. In einem Osterlied heißt es: „Er
reißet durch die Höll’, ich bin stets sein Gesell.“ Bei dieser Himmelfahrt durch die Machtbereiche
des Bösen bin ich dabei. Weil ich mit dem durchbreche, der sie bezwungen hat. Der stärkste Partner,
den es gibt.
„Mit frohem Herzen“, „freudigen Herzens“ lasst uns da hingehen, schreibt der Hebräerbrief.
Dahinter steckt das Rederecht, das ein freier Bürger in der alten griechischen Stadtgesellschaft auf
einer Volksversammlung hatte. Ohne dieses Recht hatte er seinen Mund zu halten. Hatte er es, war
es mit Sitz und Stimme dabei. Das stimmte froh.
Das ist wie mit den Einladungen der Botschaft zum Tag der deutschen Einheit. Wer sie hat,
überprüft rechtzeitig seine Garderobe und organisiert seine An- und Abreise. Und natürlich: Die
Einladungskarte wird an einem guten Platz verwahrt, wo man sie hoffentlich am Tag des
Geschehens gleich findet. Ohne diese Karte komme ich nicht rein.
Käme einer auf diese Gedanken: Bin ich mit der Karte gemeint, ist das nicht alles ein
Missverständnis ? Ist die Karte überhaupt gültig ? Am Ende ein übler Scherz, eine Fälschung, um
mich lächerlich zu machen ? Was, wenn die Feier gar nicht statt findet ?
Ich habe von solchen Überlegungen noch nie gehört. Aber wenn es um die große Einladung zum
Herzen Gottes geht, zum Ort der Gnade, dann überlegen viele: „Bin ich gemeint ? Ist das nicht alles
ein Missverständnis ? Ist die Einladung überhaupt gültig, bin ich so, wie ich bin, dazu überhaupt
berechtigt ? Was, wenn es diesen Thron gar nicht gibt ?“
Wer so denkt, wird nie an diesem Thron ankommen.
„So lasst uns also mit einem frohen Herzen zum Thron der Gnade gehen.“ Diese Aufforderung
muss schon einen Grund haben, sonst wäre sie nicht so deutlich ausgesprochen.
Wen treffe ich denn da ? Einen Hohenpriester, der sehr wohl in der Lage ist, mit uns in unsrer
Schwachheit zu leiden, heißt es.
Schwachheit ? Die gibt man sich doch nicht. Sepp Blatter behauptet bis heute korrekt gehandelt zu
haben. VW: Aufrichtige Aufklärung sieht anders aus. Wir selbst: „Das kann ich mir nie verzeihen.“
Schwachheit liegt im toten Winkel der allgemeinen Wahrnehmung. Wer sich schwach gibt, hat
berechtigte Angst, raus zu sein. Es war der Suizid eines Torwarts, der die Aufmerksamkeit auf das
Elend einer Depression lenkte. Eine frühere Mitarbeiterin von mir ist aktuell stationär in einer
psychiatrischen Klinik. Ich glaube nicht, dass auf ihrer Krankmeldung das Wort Psychiatrie steht.
Im Alltag erleben wir doch Schwachheit genauso: Wenn wir schuldig werden. Wenn unsre gut
gemeinten Bemühungen scheitern. Wenn wir Verluste einstecken müssen, die uns weh tun. Und der
größte Verlust: der Tod. „Er hatte noch so viel vor“, heisst es dann.
Der Philosoph und Theologe Kierkegaard schrieb: „…daß wir verzweifelt wir selbst sein wollen und
zugleich verzweifelt nicht wir selbst sein wollen.“
Ein Mann verliert schuldlos seinen ganzen Besitz, alle seine Kinder, zuletzt seine Gesundheit. Es
bleibt ihm nur noch seine Ehefrau. Und die sagt ihm ins Gesicht: „Fluche Gott und stirb !“ Verfluch
endlich, was dir sowieso nicht mehr hilft und dann mach dich weg. Das ist die Biografie des Hiob in
der Bibel.
Angesichts der Gemeinheiten und Ungerechtigkeiten, der gekauften Zeugen in einem unfairen
Prozess, dessen Ergebnis schon fest stand, bevor er überhaupt begonnen hatte, angesichts der Folter
und Willkür, bis er endlich sterben konnte, angesichts des Ablaufes dieser Ereignisse schreit Jesus
seine Verzweiflung an seinen Vater heraus: „Mein Gott, mein Gott, warum ?“
Genau so wenig wie Hiob erliegt er nicht der Versuchung, sich von Gott abzuwenden und ihm zu
fluchen und damit Schuld auf sich zu laden. Im Gegenteil: Er schreit seinen Schmerz und seine
Verzweiflung hin an den Thron der Gnade und bleibt ohne Sünde.
Seitdem gibt es keinen Ort mehr, der gottverlassen wäre. Und gibt es keine Erfahrung von Leid und
Schwachheit, wo dieser Hohepriester nicht dabei wäre. „Ganz genau so wie wir ist er in allem
versucht worden, aber ohne Sünde.“ Der will uns an die Hand nehmen und uns dorthin bringen, wo
er schon war, wo er sich auskennt so wie wir das mit Gästen tun, wenn wir in einen Nationalpark
fahren.
„So lasst uns also mit einem frohen Herzen zum Thron der Gnade gehen, damit wir Erbarmen
erfahren und damit wir Gnade finden, die uns rechtzeitig hilft.“ Und damit ist nicht die Zeit
gemeint, wenn wir tot sind, sondern jetzt, mitten im Leben.
Wir bewegen uns in den Räumen Gottes, als ob wir dort zuhause wären. Mehr noch: Wir sind dort
zuhause. Wir haben Zugang zum Thron der Gnade, zum Herzen Gottes. Mehr geht nicht.
Der gnädige Gott, der uns durch Jesus hindurch freundlich ansieht und sagt: Du gehörst zu mir.
Wer kann da noch an seiner alten Angst vor dem Thron Gottes fest halten, wo doch auf dem Thron
ein ganz anderer sitzt als manche Erziehung und Fantasie uns einreden wollen. Auf ! Frohen
Herzens zum Thron der Gnade ! Der Weg ist frei.
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Liturgie
Begrüßung
Unser Gd geschehe …
Herzlich willkommen zum Gottesdienst am 1. Sonntag der Passionszeit, Invocavit genannt. Das ist
der lateinische Anfang des alten Tagespsalm, also eines alten Gebetes und der beginnt so:
“Invocavit me, et ergo exaudiam eum” ,Ps 91, 15;
auf deutsch „Er ruft mich an , darum will ich ihn erhören, ich bin bei ihm in der Not; ich will ihn herausreißen und zu Ehren bringen.“
Um Not und Schwachheit und Versuchung geht es an diesem Sonntag. In der Lesung des Alten Testamentes hören wir von der Schlange und den ersten Menschen, im Evangelium von der Begegnung Jesu mit dem Teufel.
Jesus ist auf dem Weg zum Kreuz, darum geht es in den kommenden Wochen bis Ostern.
Lied
Singen wir das Lied 79 „Wir danken dir, Herr Jesus Christ.“
Psalm
Beten wir aus dem Tagespsalm 91unter der Gesangbuchnummer 736.
Kyrie
Bringen wir vor Gott unsere Not und Schwachheit:
Gott in der Höhe / und wir in der Tiefe / verstrickt in den Lauf dieser Welt, / ausgesetzt der Macht
des Bösen, / gebunden durch unsere Schuld, / unfähig, uns selbst zu befreien, / so rufen wir:
Kyrie Eleison
Gott in der Höhe / erlöse uns in der Tiefe, / halte uns unsere Verkehrtheiten nicht vor, / dass wir die
Macht des Bösen nicht völlig aushalten müssen, / sondern Gott halte zu uns, / dass wir Halt
gewinnen für das Leben / so rufen wir:
Christe Eleison
Gott / in der Höhe und in der Tiefe / erreiche uns die Gnade, / dass uns nichts mehr bindet im Raum
der Bedrohung / sondern öffne uns mit der Versöhnung neu das Leben. / So warten wir auf das
Erbarmen / wie ein Schlafloser auf den neuen Tag, / dass die Nacht des Bösen vergeht – / so rufen
wir:
Kyrie Eleison
Gnadenzuspruch: Dazu ist erschienen der Sohn Gottes, dass er die Werke des Teufels
zerstöre.
Tagesgebet
Beten wir in der Stille zu Gott, der um unsere Kraft und unsere Schwächen weiß:
– Stille –
Gott. Du hast uns im Weg Jesu das Vorbild gelassen und den Ruf, ihm zu folgen. Oft zweifeln wir,
ob wir das können. So bitten wir: Stärke unseren Glauben und mache unsere Hoffnung groß, dass
wir auf unseren Wegen Anfechtung und Widerstand nicht scheuen, sondern durch deine Hilfe
bewahrt zum Ziel unseres Lebens gelangen durch ihn, deinen Sohn, unsern Bruder und Herrn.
Lesung aus dem Alten Testament
Sprechgruppe
Lied der Woche
347
Lesung des Evangelium
Lied
365, 1-3
Predigt
Lied
394
Bekanntmachungen
Lied
398, Einsammeln der Kollekte
Fürbitten
Wenn du erscheinst in deinem Sohne, Gott, inmitten unsrer Schwachheit, unsrer Wüsten, bewahre
uns – vor dem Geprüftsein, dich zu verkennen im Weg Jesu; vor der Anfechtung, dir nicht zu
vertrauen bei allem, was geschieht; vor der Gefahr, dich zu verleugnen mit unsren Wünschen,
unsren Worten, unsrem Tun. Bewahre uns vor Versuchung und dem Zweifel an dir, Gott – wir rufen
dich an:
R: Herr, erbarme dich
Wo von dir geredet wird als Belanglosigkeit; wo dein Name in Anspruch genommen wird für
Unterdrückung und Hass; wo du verwechselt wirst mit dem eigenen Vorteil – bewahre uns vor
Versuchung und dem Zweifel an dir, Gott – wir rufen dich an:
R: Herr, erbarme dich.
Wo unbekannt bleibt, was dein Wille ist; wo uns zuwider wird, was du mit uns vorhast, wo uns
Trauer und Schmerz überwältigen wollen – bewahre uns vor Versuchung und dem Zweifel an dir,
Gott – wir rufen dich an:
R: Herr, erbarme dich.
Wo Menschen in Sorge leben müssen für den kommenden Tag, wo eigenes Versagen uns gefangen
nimmt; wo wir erlittenes Unrecht nicht verzeihen können – bewahre uns vor Versuchung und dem
Zweifel an dir, Gott – wir rufen dich an:
R: Herr, erbarme dich.
Vielmehr erlöse uns mit der Menschlichkeit deines Sohnes, Gott. Halte du uns in den Ängsten um
unser Leben. Befreie uns zu unsern Grenzen. Und der Weg Jesu möge uns genügen.
Vaterunser
Lied
175
Segen