Predigt über Petrus 2

„Gnade sei mit euch und Friede von Gott, unserm Vater, und dem Herrn Jesus Christus“
!.Petr. 2 21 -­ 25
Liebe Gemeinde!
darf ich Sie und Euch heute als Schafe ansprechen?
Das Bild vom guten Hirten und seinen Schafen besagt ja, dass Jesus der Hirte ist und wir seine Schafe.
Mit einem Schaf verglichen zu werden, das ist eigentlich kein Kompliment. Oft wird Dümmlichkeit mit Schafen in Verbindung
gebracht. Aber wie Hirten wissen, liegt hier ein Irrtum vor.
Schafe sind ganz und gar nicht dumm.
Schafe sind sehr intelligente Tiere, aber sie sind fast völlig blind.
Sie können kaum etwas sehen, nur hell und dunkel können sie gut unterscheiden.
Sie können also ihren Hirten nicht sehen, aber fühlen und hören.
Ihr wart wie die irrenden Schafe, aber ihr seid nun bekehrt zu dem Hirten und Aufseher eurer Seelen
– so endet der Abschnitt aus dem Petrusbrief unser heutiger Predigttext.
Der Apostel spricht Menschen an, die gerade Christen geworden waren. Ihr Leben hatte eine Wende genommen. Waren sie aus
der Sicht des Apostels zuvor wie die irrenden Schafe gewesen, so hatten sie nun einen Hirten: Jesus Christus, den Auferstandenen, einen Aufseher für ihre Seelen.
Das hört sich auf den ersten Blick sehr klar und eindeutig an.
Schwarz-­‐weiß sozusagen.
Aus problematischen Lebensverhältnissen waren auf einmal klare und gute Lebensverhältnisse geworden. Aus steinigen, unebenen Pfaden
gut befestigte, gangbare Wege.
Wir schauen mit dem 2. Blick etwas genauer hin. Die hier angesprochenen Menschen sind vermutlich Sklaven. Einige Verse zuvor werden sie aufgefordert, mit aller Furcht ihren Herren
untertan zu sein, nicht allein den gütigen und gelinden, sondern auch den wunderlichen.
Als Sklaven gehören sie ihren Herren. Und die Herren können mit ihnen umgehen wie sie wollen.
Ein römischer Adeliger nannte die Sklaven: „Arbeitsmaschinen die reden könnten“
Da ist alles möglich: Vom hartherzigen, demütigendem Umgang bis hin zu
einigermaßen anständigem Verhalten. Aber selbst wenn man voraussetzt, dass die im 1. Petrusbrief angesprochen Sklaven nicht dauernder Repression und Unmenschlichkeit ausgesetzt waren, so ist doch auch klar, dass in einem Sklavenleben wesentliches dessen fehlt, was wir heute im christlichen Abendland für erstrebenswert und für normal halten: Sklaven haben keine Freiheit, keine Rechte und keine Beschwerdeinstanz, von Selbstverwirklichung einmal ganz zu schweigen.
Nun waren sie Christen geworden. In der Gemeinde, da galten andere Maßstäbe. Da waren auch diese Menschen etwas wert und geachtet, da hatten sie die gleichen Rechte wie alle anderen. Ein neuer Lebenshorizont tat sich auf. Und dennoch war das Leiden wohl nicht wirklich überwunden.
Im Gegenteil: In gewisser Hinsicht war es vielleicht sogar größer geworden. Denn gerade aufgrund des Erlebens in der
Christengemeinde spürten sie um so deutlicher den schmerzenden Gegensatz zu ihrem Leben als Sklaven. Bei der
Arbeit waren sie einem Besitzer unterworfen, in der Gemeinde dienten sie in der Gemeinschaft miteinander einem anderen
Herrn. Bei der Arbeit erlebten sie Unterdrückung, in der Gemeinde brachte man ihnen Wertschätzung und Freundlichkeit
entgegen. Bei der Arbeit hieß es, ein Mensch zweiter Klasse zu sein, in der Gemeinde waren sie in die Gemeinschaft der Christen
integriert. Sie gehörten dazu.
Auf der einen Seite erlebten diese Menschen also, dass ihnen unabhängig vom sozialen Stand Menschenwürde vor Gott und in der Gemeinde zuerkannt wurde, auf der anderen Seite aber blieb alles beim Alten. Eine Menschenwürde außerhalb der Gemeinschaft der Gläubigen gab es scheinbar nicht.
Und diese Erfahrung bedeutete einen inneren Konflikt. Was war das nun mit dem Glauben an Christus? Konnte es sein, dass der
Glaube nur im abgegrenzten, geschützten Bereich Bedeutung hatte und nicht für die gesamte Existenz? Wie war es möglich,
einerseits zu hören, durch die Herrschaft Jesu Christi frei geworden zu sein und andererseits die gleiche Unfreiheit zu
erleben wie zuvor? Die Menschen hatten ein Problem mit ihrem noch jungen Glauben. Der Glaube stand gewissermaßen auf dem Prüfstand des Lebens.
Ich denke, dies ist der Punkt, an dem wir auch mit unserem eigenen Erleben in heutiger Zeit Zugang finden zum Text.
Zwar sind wir Gott sei Dank keine Sklaven, aber Zweifel an unserem christlichem Glauben – die kennen wir vielleicht auch. Nehmen
wir beispielsweise das Gebet: Bittet, so wird euch gegeben, lesen wir in der Bergpredigt. Oder – noch deutlicher – bei Johannes:
Alles, was ihr in meinem Namen bittet, sagt Jesus, es soll euch Zuteil werden. Wer diese Verheißungen ernst nimmt, kann schon
erleben, wie der Glaube auf die Probe gestellt wir.
Denn haben wir dass nicht alle schon erlebt: ein augenscheinlich unerhörtes Gebet? Keine Antwort, oder zumindest keine für uns vernehmbare Antwort Gottes? Oder drücken wir es allgemeiner aus: Wenn wir Menschen ermutigen, Christinnen oder Christen
zu werden, wenn wir ihnen sagen, es lohne sich, das Leben im
Vertrauen auf Gott zu leben, wenn wir bei der Taufe das Wort
Jesu über dem Täufling aussprechen: Siehe, ich bin bei dir alle
Tage, dann verbindet sich damit immer eine ganz konkrete
Hoffnung: die Hoffnung nämlich, es möge alles gut werden in der
Entwicklung des Kindes, es möge ein guter, ein bewahrter Weg
sein auch bei den Erwachsenen.
Und wie ist es denn dann im normalen Leben eines durchschnittlichen Christenmenschen? Gibt es da nicht auch
allerlei Vergeblichkeit und manches Scheitern und Krankheit trotz der Verheißung Jesu Chr
isti, bei mir/bei dir sein zu wollen alle Tage?
Stellen sich diese Fragen nicht mit aller Macht und Dringlichkeit, wenn Krisen oder Zweifel ein Menschenleben überschatten?
Das gibt es auch bei Christinnen und Christen.
Und auch hier mitunter die gleiche bohrende Frage: Was ist das nun mit dem Glauben? Hilft der Glaube, hilft der Gott, an den wir glauben?
Weitere Beispiele, liebe Gemeinde, ließen sich ohne Mühe finden. Und immer wieder geht es um diese Frage des
Zusammenhangs von Glauben und Leben bzw. um die Frage der Bewährung des Glaubens in Krisen.
Auch unserem heutigen Predigttext liegt diese Frage zugrunde, allerdings ging es dabei nicht so sehr um den Einzelnen im ganz
persönlichen Bereich, sondern das bereits erwähnte Sklavendasein bedeutete eine bleibende Anfechtung, und
außerdem waren bereits die ersten Wellen aufkommender systematischer Christenverfolgung spürbar.
Wie soll man sich dazu verhalten? „Tretet in die Fußstapfen eures Herrn Jesus Christus“, das ist der Rat des 1. Petrusbriefes. Und
das heißt dann ja: haltet fest an dem, was Jesus gelehrt und selbst gelebt hat : Gerechtigkeit und Gewaltlosigkeit, bewusster
Verzicht auf Drohen und Einschüchtern, demonstrative Machtlosigkeit, und die Bereitschaft, für Gottes Werk der
Versöhnung mit uns Menschen geschmäht, beleidigt und ausgelacht zu werden. Er drohte nicht als er litt, heißt es im Text,
und er widerschmähte nicht, als er geschmäht wurde.
Ist das nicht eine letztlich ziemlich problematische Märtyrer ‐Ideologie?
Nein, sagt der 1. Petrusbrief: Denn schlimmer als zeitweise dem Bösen zu unterliegen wäre es, das Böse mit Bösem
zu vergelten und so auf das gleiche Niveau zu geraten.
Das Böse ist letztlich doch dann besiegt, wenn man der Versuchung widersteht, Böses mit Bösem zu vergelten. Dann hat
das Böse zumindest einen wesentlichen Teil seiner Macht, nämlich immer wieder neues Böses hervorzubringen, verloren.
Jesus hat das vorgemacht, und zwar mit Erfolg. Stellen wir uns nur mal vor, Jesus Christus hätte sich gegen die Verfolgung seiner
Widersacher mit Waffengewalt verwahrt, hätte mit seinen
Jüngern eine kleine Privatarmee aufgebaut, um das Fortbestehen
seiner Verkündigung zu sichern. In irgendeiner militärischen
Auseinandersetzung wäre er vermutlich doch unterlegen, und er
wäre bestenfalls eine Fußnote der Geschichte geblieben.
Jesus ist den Weg der unbedingten Gewaltfreiheit gegangen. Und
der biblische Text legt es uns nahe, in seine Fußtapfen treten.
Leicht ist das nicht, diesen unteren Weg zu gehen. Können wir
das, wollen wir das überhaupt? Wer hält schon gern still, wenn er
beleidigt wird? Und wer lässt sich schon gern etwas wegnehmen
oder etwas antun ohne entsprechend zu reagieren?
Natürlicherweise ist dies dem Menschen so wohl nicht gegeben.
Und ich denke, Jesus konnte seinen Weg nur deshalb
so gehen, weil er sich vollständig in der Hand seines himmlischen Vaters
wusste. Sein Weg war es, den er ging, und seiner Fürsorge, der
göttlichen Fürsorge war Jesus zutiefst sicher. Er stellte es dem anheim, der gerecht richtet
– so heißt es im Text. Jesus vertraute in allem auf Gottes Regiment, und dieses Vertrauen, diese
unmittelbare Gottesbeziehung gab ihm die Kraft zu seinem Weg
und eben auch zum Verzicht auf Rache, Vergeltung und Gewalt.
Und gilt nicht gleiches auch für die angesprochenen Menschen in
unserem Brief, gilt nicht gleiches auch für Christen und
Christinnen aller Tage? Ein Aufseher für die Seele. Jesus ist der
Aufseher für die Seelen derer, die ihm vertrauen. Er ist dem Menschen nahe in seinem
Inneren, er sieht die Narben der Seele, er kennt das, was den
Menschen antreibt und umtreibt und bewahrt immer wieder,
wenn ein Menschenleben im Begriff ist, sich zu verlieren. Und
erhört das Gebet des Herzens Gilt das auch mir, mag sich manch einer fragen? Kann ich mich
darauf verlassen, jeden Tag, oder nur in den Schönwettertagen
des Glaubenslebens?
Einfache Antworten wird es hier nicht geben, aber soviel – denke ich – kann man sagen: Hirte und
Aufseher der Seele – das bekommt man nicht ein für alle Mal wie eine Konfirmationsurkunde.
Hirte und Aufseher der Seele – das ist kein christlicher Lehrsatz, der fest steht wie ein ehernes Monument. Hirte und Aufseher der Seele – das ist eine Frage der Beziehung, die gepflegt werden will, wie man auch die Beziehung zu Angehörigen und Freunden pflegt, damit sie lebendig, belastbar und erfüllend bleibt.
Ihr wart wie die irrenden Schafe, aber ihr seid nun bekehrt zu dem Hirten und Aufseher eurer Seelen.
Weil und insofern ein Mensch in einer inneren Beziehung zum auferstandenen Christus lebt, wird er oder sie immer wieder
auch die Erfahrung machen, in ihm einen Hirten und Aufseher für die eigene Seele und die Wege des Lebens zu haben.
Glaube ist und bleibt eine Frage der Beziehung zu Jesus Christus.
Und aus dieser Beziehung heraus mag dann möglich werden, was der Apostel in seinem Brief empfiehlt, nämlich den
Fußstapfen Jesu nachzufolgen, den Weg also der Friedfertigkeit und Gewaltlosigkeit zu gehen.
Der Hirte und Aufseher unserer Seele wird darauf achten, dass niemand überfordert wird auf dem Weg der Nachfolge und „Der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, bewahre eure Herzen und Sinne in Christus Jesus.“
Amen
Diakon Thomas Ritter